
Hallo und willkommen zurück!
Wir befinden uns wieder in Sechelt an der Sunshine Coast in Kanada, British Columbia. Dort hatte ich vor zwei Tagen die Ehre und das Vergnügen, Aaron Joe zu treffen, den Inhaber der „Salish Soils Inc.“, einem Unternehmen, das in Sachen „Recycling“ führend auf der „Sechelt Peninsula“ ist.

Ähnlich wie beim Bier (siehe auch mein Blogbeitrag „Kraftbier“ vom 01.06.2018 https://sabbatkr.wordpress.com/2018/06/01/kraftbier/) bilden wir Deutsche uns ja beim Thema Recycling auch gerne ein, dass wir weltweit führend und Spitze sind. Gelbe Säcke, Grüne Punkte, Blaue Tonnen…wer hat das schon alles? Grund genug, sich einmal näher anzuschauen, wie man beispielswiese an diesem idyllischen Fleckchen Kanadas mit dem Thema „Recyling“ umgeht.
Als wir vor rund 3 Wochen unsere wunderbare Wohnung hier direkt am Sechelt Inlet bezogen, klärte uns unsere Vermieterin Monika über das Thema Mülltrennung mit den Worten auf: „Here in Sechelt, we recycle everything!“. „Okay“, dachte ich, „dann gibt es hier bestimmt eine ganze Menge (verschiedenfarbiger) Tonnen und bestimmt auch noch einen Komposthaufen hinterm Haus oder im Garten.“ Nun, Tonnen in allerlei Farben, wie wir es aus Deutschland kennen, hatten wir hier nicht und einen eigenen Komposthaufen im Garten schon mal gar nicht. Denn hier gibt es Bären in unmittelbarer Nachbarschaft und für die wäre so ein Komposthaufen im wahrsten Sinne des Wortes „ein gefundenes Fressen“.

Kompost (also sämtliche organische Abfälle wie beispielsweise Gemüsereste, Obstschalen, Kaffeesatz etc.) wird hier -wie jedes andere Material, das dem Recyling zugeführt werden kann (wie Plastik, Glas, Papier) zunächst im Haus gesammelt und dann regelmäßig zu „Salish Soils“ gebracht. (Von uns aus bequem in ein paar Autominuten zu erreichen und meistens konnten wir eine Fahrt zu „Salish Soils“ direkt mit einer ohnehin geplanten Tour in die nähere Umgebung verbinden.) Daher war alles, was wir in unserem neuen Haushalt vorfanden, einen Kompostbehälter direkt unter der Spüle sowie eine schwarze Tonne für den Restmüll (sofern welcher anfiel) im Außenbereich, gut geschützt gegen Bären und andere neugierige Tiere.

Und tatsächlich blieb die schwarze Restmülltonne, wie hier auf dem Bild zu sehen, in der Folgezeit meistens leer. Denn fast alles, was am Ende des Tages bei uns an Abfall anfiel, konnten wir nach „Salish Soils“ bringen. Was und wer aber genau ist „Salish Soils“ eigentlich?

Schauen wir uns dazu erstmal die beiden Worte, die den Unternehmensnamen bilden, separat an: „Soil“ kann übersetzt werden mit „Erde, Ackerboden oder Erdreich“. In Wikpedia heißt es: „Soil a mixture of organic matter, minerals, gases, liquids, and organisms that together support life.“

„Salish“ wiederum ist abgeleitet von der Bezeichnung für die Ureinwohner der Pazifikregionen Nordamerikas, indianische Ethnien, die auch heute noch als „First Nation People“ in British Columbia in Kanada sowie in den US-Bundesstaaten Washington und Oregon leben.

(Quelle: http://staff.wwu.edu/stefan/salish_sea.shtml)
Innerhalb dieser „Küsten-Salish“ gibt es wiederum über 50 verschiedene ethnische Gruppen und Stämme, teils mit eigenen Sprachen und kulturellen Riten. Zu ihnen gehören die in Sechelt beheimateten „Shishalh“. (mehr Infos auch unter www.shishalh.com/ ).
(Quelle: www.shishalh.com/photos/our-ancestors-our-heritage )
Heute wird den „First Nation People“ in Kanada nicht nur ermöglicht, ihre Kultur und ihr Erbe zu bewahren, sie sind auch ganz entscheidend am öffentlichen Leben und der ökonomischen und ökologischen Entwicklung des Landes beteiligt, gerade hier an der Sunshine Coast. Und hier ist mein heutiger Gastgeber Aaron Joe ein sehr gutes Beispiel. Als Nachkomme der Ureinwohner dieser Region und Mitglied der „First Nation People“ betreibt er nun seit rund 7 Jahren in Sechelt gemeinsam mit seiner Frau Lori und 10 Mitarbeitern die „Salish Soil Inc.“ Ein Unternehmen, das sich ganz den Themen Recycling, Nachhaltigkeit und Wiederverwertung verschrieben hat. Und das an 7 Tagen in der Woche.

Anders als bei uns in Deutschland, wo alles häufig doch ein bißchen stärker reguliert ist als im Rest der Welt, wo das „Duale System“ mehr oder weniger flächendeckend das Thema Recyling im ganzen Land abdeckt, ist dies hier in Kanada noch immer weitestgehend eine Angelegenheit privater Unternehmen, wie die „Salish Soils Inc.“
Aufmerksam und neugierig geworden auf „Salish Soils“ waren wir bereits bei unserem ersten Besuch, als wir unsere Kompost- und sonstige Abfälle unserer ersten Tage ablieferten. Und wie wir es schon häufiger positiv während unseres Aufenthaltes in Kanada erfahren hatten, war es sehr leicht, erste Kontakte mit den Einheimischen zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen. Aaron ist das, was man gemeinhin als „open-minded“ bezeichnet und war gerne bereit, mich durch sein Unternehmen zu führen und mir zu zeigen, wie „Recycling – Made in Canada“ hier funktioniert. (Und er war auch sehr daran interessiert, wie das Ganze in Deutschland abläuft. Ja, er plant auch, demnächst Deutschland einmal zu besuchen. Ich habe ihn herzlich eingeladen, auch bei uns in Krefeld vorbeizuschauen. Sicher ließe sich da eine Tour bei der EGN Niederrhein organisieren :-))

„Salish Soils“ nimmt quasi jede Art von wiederverwertbarem Abfall an, sowohl von privaten Haushalten (kostenlos) als auch von gewerblichen Kunden (gegen Gebühr). Darüberhinaus alles was an organischen und kompostierbaren Haushaltsabfällen anfällt sowie die umfangreichen Grünabfälle, die von der Gemeinde Sechelt angeliefert werden. Und nicht zu vergessen: Tonnen von Fischabfällen aus der verarbeitenden Industrie, die natürlich hier so nahe am Ozean anfallen. All diese kompostierbaren Stoffe bilden das wesentliche ökonomische Rückgrat von „Salish Soils“, denn hieraus wird der kostbare Rohstoff gewonnen, der wiederum verkauft wird an eine immer größer werdende Gemeinde vom Kunden: Fruchtbare Erde, eben „Soil“.
Wie aber wird eigentlich aus Garten-, Küchen und sonstigen organischen Abfällen in relativ kurzer Zeit nutzbarer Boden? Jeder, der schon einmal privat einen Komposthaufen im eigenen Garten gehegt und gepflegt hat, weiß, dass das eine ziemlich langwierige Angelegenheit sein kann. Nun, hier kommt eine Technologie zum Einsatz, die auch in Deutschland angewendet wird, wie Aaron zu berichten weiß (immer schön, wenn jemand, der rund 7.600 km weit von deinem Land entfernt wohnt, dir etwas über deine Heimat erzählen kann, das du bisher selbst nicht wußtest :-). Die sogenannte GORE® Technologie ermöglicht es, u.a. Gerüche zu kontrollieren und Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Der Komposthaufen wird abgedeckt und zum Boden hin abgedichtet, so dass dieser nach außen physisch abgeschlossen ist. Auf diese Weise wird das zu verrottende Gut vor Vernässen durch Niederschläge oder Austrocknen geschützt. Der durch die Temperaturentwicklung während des Abbaus unter dem Cover entstehende Dampf kondensiert als feiner Film auf der Innenseite der Abdeckung aus. Flüchtige organische Komponenten, wie z.B. geruchsintensive Stoffe lösen sich innerhalb dieses kondensierten Films und tropfen in den Komposthaufen zurück, wo sie von Bakterien und Mikroorganismen weiter abgebaut werden. Dank eines geregelten Belüftungssystems, das den Kompost vom Boden her gleichmäßig und bedarfsgerecht mit Sauerstoff versorgt, wird in jeder Phase der Kompostierung ein für die Mikrorganismen optimales Milieu erhalten. So wird in rund drei Monaten aus Abfall feinste und fruchtbare Erde. Bei einem typischen Hinterhof-Komposthaufen würde dieser Prozess mehr als ein Jahr dauern.
Aaron führte mich sodann auch in die Komposthalle von den Größe eines Fussballfelds, in der diese Technologie in seinem Unternehmen praktische Anwendung findet. Bei saunaartigen Temperaturen hielten wir uns hier aber nur kurz für ein paar Fotos auf, bevor es wieder an die frische Luft ging

Ganze schön warm hier! 🙂

Die Kompostier-Halle von außen. Aaron plant übrigens im Rahmen einer Expansion eine Erweiterung dieser Halle. Die Geschäfte laufen wohl bestens….
Die so gewonnen Erde wird dann verkauft an eine stetig größer werdende Kundschaft, sowohl aus dem privaten als auch aus dem gewerblichen Bereich. Dabei können die Kunden zwischen vielerlei Arten von „Soil“ wählen, die hier quasi „komponiert“ werden. So gilt Boden mit einem entsprechenden Anteil an Fischabfällen als besonders fruchtbar. Er riecht allerdings in keinster Weise mehr nach Meeresgetier sondern nur noch herrlich nach Erde und Ackerboden, wie ich mich selbst überzeugen konnte.
Bevor aber nun „Soil“ an die interessierte Kundschaft verkauft wird, wird er zunächst getestet und zwar im betriebseigenen Versuchsgarten, in den mich Aaron anschließend führte. Hier gedeihen in verschiedenen nummerierten Beeten (gemäß der verwendeten „Soil“-Sorte) Gemüse-, Obst- und andere Pflanzen aufs Prächtigste. Auch hier plant Aaron eine Expansion und möchte den nachhaltigen Anbau von Obst und Gemüse auf dem Gelände von „Salish Soils“ weiter ausbauen und vorantreiben.
Neben der Annahme von organischen Abfällen jeglicher Art und deren Weiterverarbeitung zu fruchtbarer Erde, fungiert „Salish Soils“ auch als Sammelstelle für alle sonstigen wiederverwertbaren Abfälle. Hierbei wird u.a. mit Recylingfirmen aus Vancouver zusammengearbeitet. Insgesamt sei das Bewußtsein für Nachhaltigkeit unter den Bewohnern der Sunshine Coast sehr hoch, wie Aaron zu berichten weiß. Die täglichen Mengen an angeliefertem Material von privaten Haushalten und Unternehmen belegen das ebenso wie die äußerst geringe Quote an echtem Restmüll, der am Ende des Tages übrigbleibt, wie wir das schon selbst erfahren durften.

Und auch Pfandflaschen („Refundables“) werden bei „Salish Soils“ gesammelt. Der Erlös wird einem guten Zweck, der Unterstützung junger Familien beim Hausbau an der Sunshine Coast, zur Verfügung gestellt. Wie Aaron stolz zu berichten weiß, kommen hier so monatlich rund 14.000 CAN$ zusammen, ein schöner Nebeneffekt des „Abfallsammelns“

„Salish Soils“ ist ein wunderbares Beispiel, wie Tradition und das Bewußtsein des eigenen (Kultur)Erbes, wie es die First Nation People pflegen im Verein mit moderner und zukunftsgerichteter Technologie unsere Erde tatsächlich zu einem besseren Ort machen kann. Mich hat die Zielstrebigkeit und das Engagement, wie Aaron gemeinsam mit seinen Mitarbeitern seine Vision und dieses Konzept umsetzt, nachhaltig beeindruckt. 7 Jahre nach der Gründung steht dieses Unternehmen offenbar sehr gut da. Der Erfolg gibt ihm recht und zeigt, dass sich ökologischer Anspruch und ökonomischer Gewinn keineswegs ausschließen, sondern -im Gegenteil- einander bedingen können im besten Fall.
Wie schon gesagt, möchte Aaron gerne einmal nach Deutschland kommen. Ich würde mich sehr freuen, ihn dann als Gast begrüßen zu dürfen. Ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob er da noch etwas von uns lernen kann oder ob es nicht vielmehr umgekehrt sein wird. Ich wünsche ihm, seiner Frau Lori und dem ganzen Team jedenfalls weiterhin von Herzen allen Erfolg bei ihrem Projekt.
Noch mehr Informationen findet Ihr auf www.salishsoils.com/

So, das war’s für heute mal wieder mit meinen Eindrücken aus Kanada. Dieses Land und besonders die Leute begeistern mich immer mehr, wie man unschwer aus meinen Texten erahnen kann. Ich freue mich auch schon auf meine nächste Einladung. Dann geht es zur „Persephone Brewing Company“ in Gibsons, eine Mikro-Crafbeer-Brauerei, die u.a. auf dem eigenen Gelände Biohopfen anbaut. Sicher wieder genug Stoff für einen neuen Blog-Beitrag. Aber den gibt es dann demnächst hier!
Allen eine gute Zeit!
Wir lesen uns….