105 Jahre Kinogeschichte

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Hallo meine lieben Leserinnen und Leser und herzlich willkommen zurück!

Noch immer befinden wir uns in Kanada, aber dieses Mal geht es ein Stück weiter in den Norden. Von der „Sechelt Peninsula“ nahmen wir vor drei Tagen die Autofähre, die uns in gut einer Stunde Fahrt über den „Jervis Inlet“ zur Anlegestelle „Saltery Bay“ auf der „Malaspina Peninsula“ brachte.

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Hier oben in Kanada ist das Übersetzen mit Fähren für jemanden, der das nicht ständig macht (wie beispielsweise Berufspendler), schon alleine ein kleines Abenteuer, hat man doch die Gelegenheit, sich auf dem „Sonnendeck“ den Wind um die Nase wehen zu lassen und dabei die atemberaubende kanadische Landschaft sowie das prächtige Zusammenspiel von Licht und Wolken vom Wasser aus zu betrachten.

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Unser Ziel auf der „Malaspina Peninsula“ war dann die Stadt „Powell River“, genauer gesagt das historische Viertel  „Powell River Historic Townsite District“. Dabei handelt es sich um eine Siedlung von rund 400 Gebäuden aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts, die damals als Heimat von Arbeitern (und deren Angehörige) diente, die in der -noch heute betriebenen- direkt am Meer gelegenen Papiermühle ihren Lohn verdienten.

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Heute ist „Powell River Townsite“  zum einen ein gigantisches Freilichtmuseum, das mittlerweile zum historischen Erbe Kanadas gehört, zum anderen dient es aber auch vielen Einwohnern Powell Rivers auch heute als Heimat in teils aufwendig und sehr schön sanierten Gebäuden.

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Und es tut sich auch etwas in der Gründerszene hier in „Townsite“, ein „Barber“ hat sich beispielweise angesiedelt, der „An Olde Style barbering experience“ anbietet.  Wir trafen den sympathischen Julian in seinem historisch ausgestatteten Salon an, wo er uns voller Begeisterung von den Möglichkeiten und der Aufbruchsstimmung in „Townsite“ zu berichten wußte.

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Und auch eine erstklassige Craftbeer-Brauerei hat sich in „Townsite“ im ehemaligen Postgebäude angesiedelt. Ehrensache, dass wir auch hier einen kleinen Abstecher einlegten inklusive der Verköstigung einiger Arbeitsproben des belgischen Braumeisters.

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Unser eigentliches Ziel in „Townsite“ war aber ein ganz anderes: Das „Patricia Theatre“ im Herzen des Viertels. Das älteste Kino Kanadas, seit 1913 ununterbrochen in Betrieb. Grund genug für uns Filmbegeisterte, sich dieses cineastische Kleinod einmal näher anzuschauen.

Die erste Kontaktaufnahme lief -wie im Zeitalter der sozialen Medien üblich- völlig unkompliziert über Facebook und dann über einen kurzen Austausch per email mit der Besitzerin Ann Nelson, die uns dann herzlich einlud, ihr Filmtheater zu besuchen.

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Als wir dann nachmittags im „Patricia“ ankamen, erwartete uns bereits Ann, eine charmante 76 Jahre junge „Lady“, die seit ihrer Pensionierung rund 16 Jahre zuvor das „Patricia“ gemeinsam mit ihrem Sohn Brian als „Technical Director“ betreibt.

ann(Ann Nelson beim „Powell River Film Festival 2017“ im „Patricia Theatre“ (Quelle: https://thepatriciablog.wordpress.com)

Bevor wir uns dann daran machten, den eigentlichen Kinosaal zu besichtigen, entspann sich mit Ann bereits im Foyer ein lebhaftes Gespräch über Film und Kino im Allgemeinen und das Patricia Theatre im Besonderen. Und dann wurde uns schnell klar, hier lebt jemand bedingungslos für und durch das Kino. An 364 Tagen im Jahr werden hier Kinofilme gezeigt, einzig an Weihnachten gönnt Ann sich einen einzigen Tag Pause. Und in den 16 Jahren war sie -bis auf Ausnahmen, die an einer Hand abzuzählen sind- jeden Abend im Theater, um die Gäste zu begrüßen, Karten zu verkaufen und den Film laufen zu lassen. Sehr beeindruckend!

Und so weiß Ann viel zu erzählen über die Geschichte des Kinos, beispielsweise wie es zu seinem Namen kam (Prinzessin Patricia, Enkelin von Queen Victoria war die „Namensgeberin“). Oder wie es in 2014 zu einer Katastrophe für das „Patrica“ kam, als eine defekte Sprinkleranlage das Kino unter Wasser setzte und in der Folgezeit eine umfangreiche Sanierung und Restaurierung erforderlich machte. (Viele eindrucksvolle Details und Fotos dieser Restaurierung finden sich auf auch der Website http://www.patriciatheatre.com).

Als wir dann den Kinosaal betraten, waren wir direkt ergriffen von seiner Atmosphäre und seiner Schönheit, die so ganz im Kontrast steht zu den heutigen 0815 Multiplex Hallen. Hier hatten wir wahrhaft ein lebendes Stück Kinogeschichte vor uns, bzw. wir waren mittendrin.

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Sonst ist es hier voller!!

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Blick vom Balkon

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Auch die Wandgemälde wurden umfangreich nach der „Flutkatastrophe“ restauriert.

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Nun gilt es aber zu betonen, dass bei aller Geschichtsträchtigkeit, das „Patricia“ keineswegs ein Museum ist, auch wenn es viele museale Aspekte beinhaltet. Nein, das „Patricia“ ist vielmehr ein funktionierendes und auf den aktuellen Stand der (Vorführ)Technik betriebenes Kino. Auch in dem 105 Jahre alten Kino hat die Digitalisierung Einzug gehalten (ermöglicht u.a. durch eine großartige Spendenaktion von filmbegeisterten Powell River Bürgern ein paar Jahr zuvor) und so kann der Kinobesucher die neuesten Filme in Bild und Tonqualität auf dem neuesten Stand im Patricia geniessen. Hinzu kommt, dass der Saal eine großartige Akustik besitzt, die ihn auch für Theater- und Musikaufführungen, die hier stattfinden, bestens geeignet macht. Neben der (heute üblichen) digitalen Abspielung wäre das „Patricia“ aber auch noch in der Lage, Filme in 35 mm zu zeigen, wie uns Ann stolz erzählte. Die komplette Technik ist noch vorhanden, wie uns auch ein Blick in den Vorführraum zeigte:

Da wir ja selbst lange Jahre ein Theater betrieben hatten, wissen wir ja nur zu gut um die Kosten, die so etwas mit sich bringt. Daher waren wir neugierig und fragten Ann, wie sie es schafft, dieses Kino und den durchgängigen Betrieb zu erhalten. Am Ende ist es der unwiderstehliche Enthusiasmus und die Begeisterung für Film und Kino, die sie und ihr Sohn Brian leben kombiniert mit der Unterstützung von Bürgern der Stadt (wie beispielsweise bei der Umstellung auf die Digitalisierung) und der Tatsache, dass hier jeden Abend Filme auf der Leinwand zum Leben erwachen (außer dem bereits erwähnten einen Tag Ausnahme) und Besucher bei äußerst moderaten Eintrittspreisen ins „Patricia“ locken. (Und nicht zu vergessen: Der Verkauf von Popcorn, Softdrinks und Süssigkeiten. „This makes the money“, wie Ann es treffenderweise ausdrückte)

Zwischen 80 – 90 verschiedene Filme zeigt das „Patricia“ in jedem Jahr. Meist wechselt das Abendprogramm nach einer Woche Laufzeit. Daneben gibt es noch Sonderreihen wie „Classic Movies“ und nicht zu vergessen, das „Powell River Film Festival“ welches jährlich im Februar stattfindet.

Was denn ihr persönlicher Lieblingsfilm sei, fragen wir Ann zum Abschluß. (Zugegeben eine gemeine Frage für jemanden, der bestimmt schon weiter über 1.000 Filme alleine von Berufs wegen geschaut hat). So meinte Ann dann auch nach einigem Überlegen, dass es wohl den einen Film für sie nicht gäbe. Einen Film, den sie aber immer wieder anschauen würden, auch wenn er im TV kommt, wäre „Victor und Victoria“ von Blake Edwards mit der wunderbaren Julie Andrews und James „Rockford“ Garner.

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Diesem Urteil konnten wir uns uneingeschränkt anschließen und schon waren wir wieder drin in der schönsten Fachsimpelei über legendären Filmszenen, Schauspieler und Regisseure. Das hätte jetzt noch ewig so weitergehen können, aber so langsam musste Ann das Kino startklar machen für die Abendvorstellung und auch wir mussten schauen, dass wir noch unsere Fähre zurück zur „Sechelt Peninsula“ bekamen, immerhin war der Fährhafen noch rund 35 km entfernt.

So verabschiedeten wir uns herzlich von Ann und wünschten ihr allzeit Erfolg und ein volles Haus, so dass sie ihre Passion, eine Stück Kinogeschichte lebendig zu halten, weiterhin realisieren kann. Das „Patricia“ ist kein Museum, es ist ein Kino. Und ein Kino ist dazu da, Filme zu zeigen. Und das macht Ann. Abend für Abend.

Wunderbar!

So, Ihr merkt es wohl auch, diese Blog ist mir dieses Mal etwas lang geraten. Meiner Begeisterung für das Patricia wegen sei es mir aber gegönnt. So vieles gäbe es noch zu berichten über Kanadas ältestes Kino. Wer noch mehr erfahren möchte, dem lege ich sehr an Herz, sich den angehängten Dokumentarfilm von Andrew Muir anzuschauen. Wundervoll gemacht, sehr stimmungsvoll und informativ.

Werte Leserinnen und Leser, ich verabschiede mich für heute. Beim nächsten Mal gibt es noch eine weitere Story von unserem Trip in den Norden. Dann geht es weiter nach Lund.

In diesem Sinne….

Wir lesen uns!

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