Der Camembert-Index

IMG_1967

Der Deutsche im allgemeinen redet ja nicht gerne über Geld, wir machen es heute aber mal trotzdem. Zumindest ein bißchen.

Wenn man beschließt. rund 3 1/2 Monate in der Welt rumzureisen, ist es wohl kein großes Geheimnis, zu verraten, dass man dafür auch bißchen Geld in die Hand nehmen muss (und nicht nur das, man muss es auch hergeben…“loslassen“, wie es so schön heißt), auch wenn man jetzt nicht Business Class fliegt und ausschließlich in 5 Sterne Hotel absteigt. (Es ist schon erstaunlich, welche Dumpingpreise man ergattern kann, wenn man sich nur früh genug um seine Flüge kümmert: Für eine paar Flüge, die wir für die kommenden Monate für Reisen innerhalb der USA gebucht haben, kommt es mir eher so vor, als hätte ich Bustickets gekauft. Ich weiß, ich weiß. das ist alles nicht gut für meinen persönlichen CO2 Abdruck, aber dafür gehe ich ja andererseits oft auch brav zu Fuß. Ob das die Sache allerdings ausgleicht, steht auf einem anderen Blatt). Und auch von teuren Hotelbuchungen haben wir Abstand genommen; die meiste Zeit verbringen wir in Wohnungen, wie jetzt gerade in Sechelt an der Sunshine Coast in British Columbia, Kanada, die den Bruchteil eine Hotelzimmers kosten, gleichzeitig aber großartigen Komfort bieten und dir bereits nach kürzester Zeit das Gefühl vermitteln, Zuhause zu sein. Besser hätten wir es hier nicht antreffen können. Ein Frühstück an einem wunderbaren kanadischen Morgen mit Seeblick, unbezahlbar.

IMG_1851

Als wir uns entschieden, die ersten gut 1 1/2 Monate unserer Auszeit in Kanada zu verbringen, wußten wir aber natürlich auch, dass wir nicht in ein Dritte-Welt-Land reisen würden und dass das Preisniveau -nach allem was wir vorher gelesen haben und was uns Freunde erzählt hatten- im Land des Ahornblattes durchaus eines der höheren in dieser Welt sein wird.

Als jemand, der -beruflich bedingt- ein Großteil seiner Zeit in Luxembourg verbringt und daher schon „Kummer gewöhnt“ ist (ganz zu schweigen von Ausflügen in die Schweiz), dachte ich zunächst, dass mich da so schnell nichts schocken kann. Bis wir dann – am Tag nach unsere Ankunft in Vancouver- dort unseren ersten Supermarkt besuchten: Den „Whole Foods Market“ auf der Robson Street in VC Downtown.

Ein solcher Laden lief wohl in Deutschland unter der Bezeichnung „Biomarkt“, riesige Auswahl, alles „local“, „organic“ und „gluten-free“ (das steht selbst auf Produkten drauf, in denen noch NIE Gluten waren…aber egal)

Zugegeben, es macht schon richtig Spaß, durch einen solchen Laden mit dieser Vielfalt zu stöbern und sich vorzustellen, was man demnächst dort alles Leckeres kaufen wird, wenn man erstmal die Ferienwohnung mit Küche bezogen hat und sich daran macht, all die lokalen Produkte kulinarisch zu testen und selbst zuzubereiten.

Irgendwann ging dann unser Blick auch mal auf die kleinen Täfelchen, die jeweils unter den Produkten angebracht waren und das war der Moment der Erkenntnis: Kanada ist wirklich verdammt teuer, dagegen wirkt Luxembourg wie eine Discounter-Paradies.

Ich möchte dies an einem kleinen Beispiel verdeutlichen: Ein alltägliches Produkt, das wir in Deutschland alle (so wir es mögen) einfach in den Einkaufswagen verfrachten, ohne groß über den Preis nachzudenken: Camembert oder auch „Brie“. Diese Käsespezialität gibt es beispielsweise bei ALDI schon für 1,09 EUR für eine 200g Ecke in durchaus akzeptabler Qualität. Ein Blick in die Käseecke im Whole Foods Market offenbart uns einen Preis von 13,99 CAN$ für eine kleine 150g Rotunde, das macht schlanke 9,25 EUR umgerechnet. Wooom! Das saß!

In diesem Moment wurde uns klar, dass wir unser Einkaufsverhalten in den kommenden Wochen und Monaten wohl ein wenig umzustellen würden – im Gegensatz dazu , wie man in seiner Heimat einkauft. Seien wir ehrlich, wer schaut in Deutschland bei jedem Produkt, das er in seinen Einkaufswagen packt, noch genau auf den exakten Preis? Natürlich passiert das auch hier und da, aber bei den meisten Produkten, die wir sowieso kaufen wollen/müssen (Milch, Brot, Eier etc.) wissen wir ja um den ungefähren Preis, der sich auch über längere Zeit nicht wirklich dramatisch verändert. Zudem haben wir uns daran gewöhnt, in einer Art Schlaraffenland zu leben, wo sich Discounter wie ALDI, LIDL, PENNY & Co. in einem aberwitzigen Preiskrieg gegenseitig unterbieten, dafür aber häufig doch Produkte in guter bis sehr guter Qualität liefern und selbst Supermärkte im scheinbar höherwertigen Segment wie REWE oder EDEKA noch weit unter dem Preisniveau liegen, das man hier in Kanada antrifft. Das hat häufig zur Folge dass man eigentlich viel zu viel, oft über den eigenen Bedarf hinaus. einkauft. Laut einer Studie des WWF werfen die Deutschen insgesamt 313kg Lebensmittel weg…in jeder Sekunde. Das sind unfassbare 18 Millionen Tonnen pro Jahr und fast ein Drittel des gesamten Nahrungsmittelbedarfs der Deutschen.

abfall

Nun ist man also in Kanada und denkt auf einmal: „Ok, ich kaufe wirklich nur das, was ich auch verbrauche, esse, trinke etc. Nichts wird weggeschmissen. Bevor etwas Neues gekauft wird, wird überlegt, ob der Kühlschrank nicht doch noch ausreichend gefüllt ist.“

Und es funktioniert tatsächlich sehr gut. Wir sind jetzt seit rund einer Woche in unserer traumhaften Wohnung in Sechelt an der Sunshine Coast und es mangelt uns wirklich an nichts. Aber wir kaufen sehr bewußt und zielgerichtet ein und wir brauchen auch wirklich alles auf. Und was übrig bleibt, z.B. an Gemüseabfällen, wird hier kompostiert und recycelt. Recycling wird hier übrigens ganz groß geschrieben, da können wir „Gelben Säcke“ aus Deutschland sogar noch was lernen, darüber mal später mehr.

Mittlerweile haben wir bereits eine ganze Reihe von Supermärkten aufgesucht. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das Preisniveau im jeweiligen Laden aussieht, suchen wir jetzt immer zuallererst die Käsetheke auf und schauen uns die Preise für Camembert an. Ja, wir haben für uns so etwas wie den „Camembert-Index“ erfunden, ähnlich dem „Big-Max-Index“, mit dem Wirtschaftswissenschaftler seit vielen Jahren bereits die Kaufkraft verschiedener Währungen vergleichen.

https://www.economist.com/content/big-mac-index

chartoftheday_6728_30th_anniversary_of_the_big_mac_index_n

Als Liebhaber von gutem Käse müssen wir aber auch sagen, dass das Angebot an Molkereierzeugnissen dieser Art hier in Kanada nicht das Beste ist. Es sind zwar keine Kunstprodukte (gut, die gibt es auch, zum Beispiel aus der Tube) aber die Qualität eines -sagen mir mal holländischen- Käseladens wird hier bei weitem nicht erreicht.

Neulich waren wir auf einem kleinen, aber feinen lokalen Markt in Gibsons Landing an der Südspitze der Sunshine Coast. Einer der Händler hielt mich wohl für einen Holländer (nicht aufgrund meines Akzentes, wie mir später klar wurde, sondern wohl wegen meiner „Amsterdam“-Kappe) und erzählte uns ganz begeistert, dass er neulich einen ganzen Container voll mit echtem „Dutch Cheese“ innerhalb von einer Stunde unters Volk gebracht hat. Die Leute hätten ihm den Käse quasi aus der Hand gerissen.

163DD3BF-BB50-437D-9A6A-15ADEEFB9624

Das brachte meine Frau und mich jetzt doch ins Grübeln. Wenn es hier so wenig Käse von der Qualität aus dem guten alten Europa gibt, andererseits aber eine hohe Nachfrage danach besteht, gibt es hier wohlmöglich eine Marktlücke oder den Keim für eine zündende Geschäftsidee?? Vor unserem geistigen Auge sahen wir schon unseren eigenen „Original Dutch Cheese Shop“ an der Sunshine Coast, mit feinstem importieren Käse von „Old Amsterdam“ über „Gouda“ und „Edamer“ bis hin zu „Maaslander“ und „Leerdamer“ Käse. Das würde ein Knaller. Zuächst ein exclusiver Shop in exponierter Lage, dann mehrere über die ganze Insel verteilt, später dann die Expansion auf ganz Kanada im Franchise Verfahren, quasi ein „Starbucks“ des Käse, mit vielen tausend Läden im gesamten Ahorn-Ländle. Man fängt gern schon mal an zu spinnen, wenn man zu viele freie Zeit hat….warum auch nicht.

Was wir dann tatsächlich mal gemacht haben -bei einem Tässchen guten Kaffees (natürlich „organic“)- im Black Bean Café: Wir haben mal im Netz einen Blick auf die Zollbestimmungen bzgl. Einfuhren von Molkereierzeugnissen aus der EU nach Kanada geworfen. Ein erster Blick reichte aus, um zu verstehen, dass hier ein mindestens 3jähriges Studium erforderlich sein wird, um die Zollbestimmungen trotz des vor kurzem ausgehandelten Freihandelsabkommen CETA (das eigentlich Aus- und Einfuhren zwischen Kanada und den EU-Ländern erleichtern soll) auch nur im Ansatz zu verstehen. Unser Käseimperium muss also wohl noch warten.

Außerdem wollen wir ja eigentlich relaxen und uns nicht schon wieder in die Arbeit stürzen. Heute Abend lassen wir es übrigens richtig krachen: Im Kühlschrank liegt noch eine Ecke Camembert! Dazu schmeckt sicher am besten ein guter Rotwein! Aber für eine Flasche müsste ich wohl eine Hypothek aufnehmen…..obwohl…die Zinsen sind ja gerade günstig!

Wir lesen uns….

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Der Camembert-Index“

  1. Hallo Rüdiger,
    Das ich mal solch ein Forum benutzen werde hätte ich auch nicht gedacht, aber diese Geschichten sind schon spannend und ich versuche sie zu verfolgen. Alles Gute – matthias

    Gefällt 2 Personen

Hinterlasse einen Kommentar