Heute wollen wir mal über Kultur sprechen. Also jetzt nicht über Literatur, Theater, Musik oder Film, obwohl ich das alles sehr gerne mag. Heute geht es um Trinkkultur, auch ein wichtiger Aspekt des menschlichen Daseins, denn schließlich besteht der Körper des ausgewachsenen Homo Sapiens zu rund 70% aus Wasser. Da muss man öfters nachgießen als bei seinen Zimmerpflanzen (zumindest kriegen meine nicht so viel ab, wenn ich Zuhause bin, die freuen sich jetzt sicherlich, dass von sie von lieben Freunden und Familienmitgliedern verhätschelt und vertätschelt werden. Wartet nur ab, bis ich wieder nach Hause komme…ok dauert ja noch rund 3 Monate…)

Aber ich schweife ab. Also: Trinkkultur. Keine Angst, es folgt jetzt keine Abhandung über die Vorteile von bei Vollmond abgefüllten Mineralwasser aus den Gletschern den Hochhimalaya, wo am besten noch ein Yeti reingepinkelt hat. Es soll auch nicht um Weine gehen, die sich durch ein „kräftiges Umbrarot“ auszeichnen und den Gaumen umschmeicheln mit „sumpfig-eleganten Zinkdüften“ und „an unreifen Heidelbeeren erinnerende Duftnoten“ ausweisen und dann im Abgang mit einer leichten Spur von „altem Autoreifen und kräftigen Tanninen aus altem norwegischen Eichenholz“ nachhallen.“
Nein , hier geht es schlicht um Bier.
Wir Deutschen bilden uns ja eine Unmenge ein auf unsere Braukünste, von wegen Reinheitsgebot seit 1516, beste Rohstoffe, beste Biere usw. Dabei produzieren die deutschen Großbrauereien seit Jahren -zwar in guter bis sehr guter Qualität- eigentlich nur Langeweile. Der Markt wird beherrscht von sogenannten Premiumsorten, deren alkoholfreie Varianten auch gerne fernsehwirksam von Jogis Jungs geschluckt werden. Und diese Sorten, egal ob „mit Felsquellwasser gebraut“ oder das „einzig Wahre“ schmecken vor allem: Austauschbar.
Auch wenn mir jetzt der ein oder andere „Bierkenner“ sicher am liebsten aufs Dach steigen möchte, ich mache jede Wette, dass man bei einer Blindverkostung nicht herausfinden könnte, ob das vor einem stehende Pilsener in der Eifel, im Sauerland oder in Bremen gebraut wurde. „Sail away“ hieß es lange in der Werbung der letztgenannten Brauerei aus Norddeutschland, und das ist wahrscheinlich auch, was man machen sollte, wenn man wirklich mal eine andere Bierkultur kennenlernen möchte: Ganz weit wegfahren.
So richtig bewußt wurde mir das zum ersten Mal, als wir im vergangenen Jahr den „West Highland Way“ in Schottland wanderten. Schottland – ein Land von dem man kulinarisch und auch in Sachen Bier nicht viel erwartet (bei Trinkkultur denkt man hier eher an Whiskey – gut da wurden wir auch nicht entäuscht:-)). Aber wir mussten unsere Meinung schnell revidieren. Jeden Abend, wenn wir müde und hungrig vom Wandern in einen Pub oder Restaurant einkehrten, erwartete uns wirklich gutes Essen (kein einziger Fehlgriff) und auch noch im hinterletzten Pub eine Bierauswahl (vom Fass), die hierzulande in den meisten Kneipen und Restaurants noch ihresgleichen sucht. Schauen Sie sich beim nächsten Gastrobesuch in Deutschland mal die Theke genauer an und zählen die Zapfhähne. Oft ist da nur ein einziger, aus dem das bereits erwähnte Premiumbier fließt. In jedem schottischen Pub fanden wir im Durchschnitt mindestens 10 vor. Da war vom Dark über Amber Ale bis zum IPA alles dabei.
Gut, natürlich gibt es auch in Deutschland rühmliche Ausnahmen. In Hamburg, im Schanzenviertel (ja genau dort, wo nach dem G20 Gipfel einiges an Aufräumarbeiten anstand) gibt es das „Alte Mädchen“, das mit einer wunderbaren und reichhaltigen Getränkekarte mit selbstgebrautem „Craft-Beer“ glänzt. Beim nächsten Hamburg Besuch unbedingt probieren! Und auch, wen es zufällig mal in meine Heimatstadt Krefeld verschlägt (wenn er nicht es das „Glück“ hat, dort zu wohnen), sollte einmal den „Dachsbau“ ausprobieren, dessen Auswahl an Fassbieren einem schottischen Pub in nichts nachsteht.
Nun bin ich also in Kanada gelandet. Und über amerikanische Biere rümpft der Deutsche ja bekanntlich erst recht seine Nase. Nun, ich werde hier auch keine Bud Light, Millers oder Coors aus der Dose ausprobieren, dafür gibt es hier eine viel zu große Palette lokaler kleiner Brauereien, die eine schier unübersehbare Fülle an handgemachten Bieren rausbringen. Die mit speziellen Hopfenarten experimentieren und den Bieren Geschmacksvariationen verleihen, die weit über die unserer sogenannten Premiumbiere hinausgehen. Natürlich ist das nicht jedermanns Sache, manches mag dem ein oder anderen auch zu exotisch schmecken. Eines ist es aber auf jeden Fall nicht: Langweilig.
In den ersten Tagen unserer Reise, als wir noch in Vancouver waren, hatten wir das Glück, ohne Reservierung einen Tisch in Craft Beer Market zu ergattern (http://www.craftbeermarket.ca/). Den Besucher erwartet eine großartige Atmosphäre, bestes Essen und eine Bierkarte mit rund 100(!) Bieren vom Fass. Hier kann man echt verdursten, weil man sich bei der Auswahl nicht entscheiden kann :-). Am Ende entschieden wir uns u.a. für ein
WHISTLER BLACK TUSK ALE
auf der Bierkarte folgendermaßen beschrieben:
„A dark, English-style mild ale. You can expect a mild bitterness with notes of chocolate and roasted coffee, and a very clean finish“
Und das klingt doch fast wieder wie Wein, oder?
In diesem Sinne: Prost!
Wir lesen uns!